Unterwegs nach Cape York

Im Geländewagen über den Old Telegraph Track


[…] Nach drei Tagen Schotterpiste bogen wir dann endlich auf den Old Telegraph Track ab. Dieser Track soll einer der härtesten Australiens sein und wird eigentlich nur noch zum Spaß gefahren, da es seit einigen Jahren eine Umgehungsstraße gibt. Auf dieser muss (oder kann) man keine Flüsse mehr durchfahren, sondern fährt auf Schotterstraßen und Brücken. Uns wurde jedoch geraten, die alte Strecke zumindest auf dem Hinweg zu fahren, da sie landschaftlich einfach einzigartig ist. Außerdem wollten wir ja auch mal ein bisschen Action und Adrenalin in den Adern, wie wir es beispielsweise bei Flussdurchfahrten oder schwierigen Passagen bekommen können. Schwierig heißt hier aussteigen und zentimetergenau einweisen, um nicht im Dreck zu versinken oder einfach nur umzukippen. Reisetempo ist meist so 10-20 km/h.

An unserem ersten Tag auf dem Track kamen wir nicht besonders weit. Wir hatten ja nach der Säuberung vom Saft noch alles wieder einzupacken und fuhren daher erst ziemlich spät los. Außerdem mussten wir eine ganze Weile an unserem Animal Mother herumtüfteln, denn als ich vor einer schwierigen Passage ausstieg, um Tim einzuweisen, bemerkte ich einen Schlauch, der lose unter unserem Wagen herumbaumelte. Was konnte das sein? Wir blätterten in unserem „Reparaturbuch“, waren uns jedoch nicht sicher. Nach einer halben Stunde hatten wir dann Glück. Ein Wagenkonvoi kam aus der Gegenrichtung (eigentlich sollte man nach Cape York nur mit mehreren Autos fahren) und hielt natürlich sofort an. So ist das halt in Australien. Wenn man helfen kann, dann hilft man auch. Ich hatte kaum gefragt, ob sich jemand mit Autos auskennt, da hatte einer der Männer auch schon seine Ärmel hochgekrempelt und lag unter unserem Auto. Nach einer halben Stunde fanden wir heraus, was kaputt war und reparierten es notdürftig. Irgendwie muss der Schlauch, über den anscheinend die vordere Achse entlüftet wird, während der rauen Fahrt herausgerissen worden sein. Ich bin mal gespannt was ein Mechaniker dazu sagt. Vermutlich muss ein neues Gewinde in das dafür vorgesehene Loch auf der Achse geschnitten werden, damit der Schlauch wieder hält. Zunächst tat es aber auch erst einmal Klebeband.

Abends kamen wir ziemlich ermüdet beim Dulhunty River an und beschlossen dort zwei Nächte zu bleiben. Einfach zum Relaxen. Oft saß ich im Schatten eines Baumes am Ufer, ließ die Füße ins Wasser baumeln und hing meinen Gedanken nach. Oder ich genoss ein kühles Bad in einer Art natürlichem Whirlpool, durch den ständig frisches Wasser schäumte. Ein wahres Vergnügen.

Einmal saß ich am Fluss und wurde Zeuge einer missglückten Flussdurchfahrt am anderen Ufer. Drei überaus dicke Australier waren nach der Ausfahrt in einem Sandloch steckengeblieben und zogen sich nun mit einer Winde wieder heraus. Auf einmal hörte ich ein leises Rascheln und drehte mich um. Ungefähr einen Meter neben mir war eine lange, dünne, grüngelbe Schlange aufgetaucht und schaute mit angehobenem Kopf in Richtung anderes Ufer. Ganz langsam stand ich auf und wollte gerade auf einen weiter abgelegenen Stein im Wasser springen, als sie sich umdrehte und durchs Gebüsch davon glitt. Noch einmal Glück gehabt! Normalerweise kommen Schlangen eigentlich nicht von sich aus so nah, aber diese hatte mich wohl nicht bemerkt, weil ich schon so lange reglos in meinem Stuhl gesessen hatte. Viechzeug gibt es hier sowieso wie Sand am Meer. Neben den ständig anwesenden Moskitos, großen Schaben und der eben erwähnten Schlange, trafen wir auch schon auf einige unangenehm große Spinnen. Ein besonders fettes und haariges Exemplar trug sogar ihre Beute (eine kleinere Spinne) bis zu unserem Tisch, an dem wir gerade gegessen hatten und saugte sie genüsslich vor unseren Augen aus. Es war fast so, als wollte sie mit uns speisen. Sie ließ sich weder von kleinen, geschmissenen Stöcken beirren, noch zeigte sie sonst irgendein Anzeichen von Furcht. Im Gegenteil! Als ich sie bewarf, stellte sie sich auf ihre Hinterbeine und drohte uns. Wir überließen ihr daher das Feld und gingen ins Zelt. Man sollte sich wohl lieber nicht mit einer handtellergroßen Spinne anlegen, von der man nicht einmal weiß, ob sie eventuell giftig ist.

Nach einem relaxten Tag am Fluss ging es vorgestern weiter auf dem Old Telegraph Track. Ich war mit Fahren dran und es wurde die genialste und zugleich schwierigste Fahrt bisher. Zahlreiche Flussdurchfahrten waren zu meistern und Tim, als mein Beifahrer und somit Einweiser, hatte viel zu tun. Jeden Fluss durchwatete er zuvor, um zu sehen wo man am besten durchkam. Aber nicht nur die Flüsse waren schwierig. Wir sind teilweise durch Passagen gefahren, bei denen ich früher in Deutschland nur gelacht hätte, wenn mir jemand erzählt hätte, er wolle da mit seinem Wagen durch. Manchmal dachte ich schon „das war’s, wir kippen um“. Andere Male war ich davon überzeugt bald aufzuliegen oder mir an großen Steinen eines der Differentiale abzureißen. Irgendwo auf dieser Strecke haben wir uns auch die Halterung des Auspuffs abgerissen. Das werden wir wohl in Cairns schweißen lassen müssen. Zwischendurch tankten wir neue Kraft beim Baden an einem der spektakulären Wasserfälle, welche sich paradiesisch in ihr Becken ergossen.

Anders als die meisten anderen fuhren wir bis zum Jardine River auf dem alten Track, da wir alles von der Strecke sehen wollten. Fast alle Besucher des Kaps wählen für die letzten 30 Kilometer die Umgehungsstraße, da diese ohnehin zur Fähre über den Fluss führt. Der Track führt hingegen zu einer 170 Meter breiten Stelle, an der ein River Crossing möglich ist. Der Holländer und andere Reisende hatte uns in Cairns jedoch dringend davon abgeraten, da die Durchfahrt extrem gefährlich sei und schon viele Autos gefordert hat. Wir wollten trotzdem einmal hin, um es uns zumindest anzuschauen. Kaum, dass wir nördlich der letzten Abbiegung Richtung Fähre waren, wurde der Track noch mal um einiges härter. Einmal fuhr ich, von Tim zentimetergenau eingewiesen, über einen kleinen, aber drei Meter tief gelegenen Bach, wobei nichts als ein paar Baumstämme als Brücke dienten. Als ich auf den Stämmen war und rechts aus dem Fenster in die Tiefe blickte, wurde mir erst bewusst, was ein Abstürzen bedeuten würde *Schluck*. Kurz nach dieser „Brücke“ kam ein richtig fieses Stückchen, wo wir auch prompt stecken blieben. Für unseren Wagen war das sicherlich nicht gut war. Links konnte man die Türen nur noch einen Spalt öffnen, da die komplette linke Seite auflag und wir weder vorwärts noch Rückwärts konnten. Eine halbe Stunde und zahlreiche Flüche später, waren wir dann endlich wieder frei. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wie erleichtert ich war.

Wir fuhren noch bis es dunkel wurde und schlugen unser Zelt an einem kleinen Bach auf. Wir hatten es nicht mehr bis zum Jardine River geschafft und waren daher ein wenig niedergeschlagen. Heute fuhr ich dann den Rest der Strecke bis zum Fluss. Die Strecke war hart (keine Ahnung, bei wie viel mehr Seitenlage wir umgekippt wären), aber bot auch einen kleinen Bach zum Baden. Das ist bei 40°C ein durchaus nicht zu unterschätzender Komfort. Am Jardine River angekommen, schauten wir uns natürlich zunächst die Möglichkeit an, den Fluss zu durchfahren. Tim durchwatete die 170 Meter trotz Krokodilwarnungen („give way to crocodiles on your right“) und wir erkannten die zwei größten Probleme: Starke Strömung und ein schwieriger, vielleicht metertiefer Ausgang. Tim und ich würden es wagen, aber Marcus hält uns für verrückt. Vielleicht hat er damit sogar Recht. Ich glaube daher nicht, dass wir morgen die Flussdurchfahrt nehmen. Es wird wohl doch eher die Fähre werden. Auf jeden Fall wird da erst einmal eine Nacht drüber geschlafen. […]

 

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Der Catfish

Segeln um die Whitsundays